Berichte

Jung und Alt leben seit fünf Jahren miteinander, um füreinander da zu sein

19.03.2014

Mit nicht einmal einem halben Jahr ist Peter Preu der jüngste Bewohner des Hauses ALLMEIND. Am anderen Ende der Skala bringt es Regina Nützel als die Älteste auf 84 Jahre. Unter dem gleichen Dach leben weitere 54 Personen, davon 14 Kinder und eine rund um die Uhr Betreute. – So präsentiert sich das 1. Oberpfälzer MehrGenerationenWohnen im Regensburger Stadtteil Burgweinting heute, fünf Jahre nach dem Bezug der damals durch das Katholische Wohnungsbau- und Siedlungswerk der Diözese Regensburg (KWS) neu errichteten Wohnanlage mit 31 Mietwohnungen für eine nicht nur altersmäßig stark gemischte Zielgruppe.

Die ganze Spannweite des generationenübergreifenden Wohnens des Burgweintinger ALLMEIND, einer Wohnanlage des Katholischen Wohnungsbau- und Siedlungswerk der Diözese Regensburg: von Baby Peter Preu mit Mama Charlotte bis zur 84-jährigen Regina Nützel. Dazwischen die „Hauschefs“ Irmgard Pernpeintner, Barbara Krause, Ludwig Gareis und Uta Hildt. |  Foto: Bernhard Schneider Alle „Macher“ des Wohnprojekts ziehen zum Jubiläum eine rundum positive Bilanz und erklären, dass sie in der gleichen Konstellation und mit dem gleichen Konzept das generationenübergreifende Wohnen jederzeit wieder wählen würden. „In unserer Gemeinschaft erwerben und verfügen alle über eine hohe soziale Kompetenz“, ist sich Uta Hildt sicher. Sie steht an der Spitze des Bewohnervereins, der genauso heißt wie das Haus. Der ursprüngliche Verein, der alles ins Rollen brachte, existiert noch unter dem Namen „Megewo“ (Mehrgenerationenwohnen), hat sich aber zwischenzeitlich auf die Fahne geschrieben, Menschen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus über alternative Wohnformen zu informieren und zu beraten sowie mit anderen Projektverantwortlichen einen intensiven Erfahrungsaustausch zu pflegen. Nutznießer waren auch schon des Öfteren Studierende im Zusammenhang mit ihren Bachelor- und Magisterarbeiten.

Mitbestimmung von Anfang an
„Megewo“-Vorsitzende Barbara Krause kennt viele ähnlich gelagerte Vorhaben und ist gerade deshalb überzeugt, dass das ALLMEIND, wo sie selbst zuhause ist, als „Leuchtturm in Deutschland“ dient: „Hier gab es sofort eine fruchtbare Zusammenarbeit, die man anderswo nicht so findet.“ Sie und Ludwig Gareis, Geschäftsführer des KWS Regensburg, trafen sich erstmals im Herbst 2006. Für den Wohnungswirtschaftler mit bald 40 Dienstjahren war es, wie er berichtet, „eine wertvolle Erfahrung“, eine in vielfacher Hinsicht besondere Wohnimmobilie zu schaffen: „Die künftigen Mieter saßen von Anfang an mit am Tisch, sprachen bei der Gestaltung der Grundrisse sowie bei der Auswahl der Baumaterialien und der Ausstattung mit. Planungen wurden verworfen zugunsten von immer wieder besseren Lösungen.“

Bereits nach nur einem Jahr der Vorbereitung erfolgte der Spatenstich und nach weiteren anderthalb Jahren der Bezug. Entstanden waren nicht nur 31 Wohnungen mit zwei bis vier Zimmern bzw. 50 bis 90 m² Wohnfläche, sondern auch ein Gästeapartment sowie ein Gemeinschaftshaus mit Saal samt Küchenzeile und Bibliothek – auf der Tiefgarage inmitten eines von den Terrassen zugänglichen bunten Gartens. Das barrierefreie Niedrigenergiehaus (KfW-40-Standard) wird mit Holzpellets beheizt; eine Solaranlage sorgt für die Brauchwassererwärmung.

Das KWS Regensburg investierte als Bauherr rund 6,0 Mio. €. Es stehen sowohl frei finanzierte als auch staatlich geförderte Wohnungen zur Verfügung. Außer allen Alters- sollen auch alle Einkommensgruppen berücksichtigt werden können; die Monatskaltmieten betragen zwischen 4,75 und 8,50 €/m². Bei Neuvermietungen hat der Bewohnerverein ALLMEIND ein Vorschlagsrecht. Gewünscht ist eine „gesunde“ Durchmischung von Jungen, Mittelaltrigen und Senioren mit jeweils einem Drittel Anteil. Genauso sollen Alleinstehende und Paare/Familien sich die Waage halten.

Persönlich bereichernd
Eine stabile Hausgemeinschaft scheint sich formiert zu haben. Jedenfalls legt „Alterspräsidentin“ Regina Nützel auf die Feststellung Wert, dass in all den Jahren nur einmal jemand aus dem Grund auszog, weil er mit seinen Nachbarn nicht „warm wurde“ und das „miteinander leben, um füreinander da zu sein“ nicht mochte. Alle anderen, die das ALLMEIND verließen, hätten wegen Nachwuchs eine größere Wohnung benötigt oder ihr beruflicher Weg habe sie weg aus Regensburg geführt.

ALLMEIND-Vereinsvorsitzende Uta Hildt und ihre Stellvertreterin Irmgard Pernpeintner betonen, dass alle Gemeinschaftsaktivitäten freiwillig sind. Natürlich sei auch hier nicht immer nur eitel Sonnenschein. Auf jeden Fall gebe man im besten Wortsinn aufeinander Acht. „Wenn etwas nicht stimmt, wird das bemerkt“, versichern sie. Sie empfinden ihre Art zu wohnen und zu leben als „ungemein bereichernd“. Zusätzlich zu Carsharing und gemeinsamen Getränkeeinkauf werde jederzeit auch spontane Hilfe organisiert. Wer Sachen nicht mehr brauche, über die andere sich freuen würden, lege sie einfach in eine bestimmte Kiste im Treppenhaus.

Jeden Monat finde eine Bewohnerversammlung statt, erklärt die Vereinsführung. Ein Bewohnerbeirat lege die internen Regeln fest. Differenzen zwischen den Generationen würden ausdiskutiert. Viel häufiger werde gefeiert als Konflikte ausgetragen. „Bei uns passiert auch Kultur, die in den Stadtteil hineinwirkt“, sind die ALLMEINDer stolz und verweisen zum Beispiel auf ihr hauseigenes Kasperltheater. Sie stellen abschließend fest: „Wir sind nicht allein, wir sind vernetzt.“ Dies merkt man auch an der engen Zusammenarbeit mit der 2010 gegründeten, genossenschaftlichen NaBau, die schräg über der Straße ein weiteres Wohnmodell realisiert. Deren Vorstandsmitglied Michael Kroll hebt hervor, dass 24 % der Bewohner der insgesamt 35 Wohnungen Menschen mit Handicap sein werden. Für vier Wohnungen sei gar eine Inklusion mit der Lebenshilfe vereinbart.

Zu teilen hat Zukunft
Mit der Eröffnung des Hauses ALLMEIND vor genau fünf Jahren kam also Bewegung in die über Jahrzehnte gleichbleibend schematisierten Vorstellungen vom Bauen und Wohnen. Es gibt viele Gründe zu feiern. Irmgard Pernpeintner, die stellvertretende ALLMEIND-Vereinsvorsitzende, pustet fünf Kerzen auf einer Obsttorte aus und fängt gleich in bester ALLMEIND-Manier an zu teilen. „Hauseigentümer“ Ludwig Gareis hat ein symbolträchtiges Geburtstagsgeschenk dabei: einen Brief der Oberallmeindverwaltung der Schwyz aus dem Jahr 1908. Bei den Eidgenossen im Nachbarland hat das „umeinander Kümmern“ seit weit über 100 Jahren Bestand. Soll heißen, dass dem Regensburger ALLMEIND getrost eine lange Zukunft vorausgesagt werden kann …